Das Go-In
Wie alles anfing

beschreibt Hannes Wader in "Trotz alledem . Mein Leben" *

In der Bleibtreustraße hat ein indisches Restaurant eröffnet. Das Calcutta. Dessen Betreiber, Herr Taneja, verfügt nebenan über einen zusätzlichen, leer stehenden, an die fünfzig bis siebzig Personen fassenden Raum, eine Art Saal. Irgendwie bekomme ich mit, dass er plant, einen Folkklub daraus zu machen. Die Idee befeuert mich. Ich frage nicht lange danach, wie ausgerechnet ein Inder darauf kommt, in Berlin einen Folkschuppen zu gründen. Dass der Club Go-In heißt, geht übrigens auf eine Idee von mir zurück. (...)

Ich bringe mich aktiv in das Projekt „Go-In“ ein, liefere nicht nur den Namen: ich bin auch bereit, für eine begrenzte Zeit das Bühnenprogramm zu gestalten und die Künstler dafür heranzuschaffen. Ich kenne sie ja alle. Obwohl ich (…) keinerlei Organisationstalent besitze, macht mir das anfangs sogar Spaß. Geld bekomme ich – außer den fünf Mark fürs Singen – dafür nicht, aber Herr Taneja spendiert mir stattdessen jeden Abend ein Tandoori-Chicken auf gegrilltem Mais. Das genügt mir.

 

Unser lockeres Konzept: Folksongs, Chansons, literarisches Kabarett, Galerie schlägt ein. Nicht wie eine Bombe, aber mit unerwartet schnellem und anhaltendem Erfolg. Wir Künstler auf der Bühne sehen es als Errungenschaft an, leger gekleidet im Gammellook, uns äußerlich nicht mehr von unserem Publikum zu unterscheiden. Eine Bühne anders als geschminkt und im Smoking zu betre-ten, war noch vor Kurzem gar nicht denkbar.

 

Ich habe die Telefonnummern aller Auftretenden. Wann jeder seine 15 Minuten pro Abend auf dem Podium ableistet, bleibt im Ungefähren, das machen die Künstler untereinander aus. Hauptsache, das Programm läuft. Es klappt immer. Wir fühlen uns wohl in dem zusammengesuchten Interieur mit Sperrmüll-Touch. Unser Publikum ebenfalls.

 

Die Bezeichnung „Künstler“ sollte ich in dem Zusammenhang eher eingeschränkt verwenden. Viele der hier auftretenden sind Amateure und bleiben daher sozusagen namenlos. Nicht wenige unter ihnen scheitern bei dem Versuch, ihr Hobby zu einer Profession zu machen. Dennoch ist die Liste derjenigen, die sich später einen Namen machen und von mir damals schon fürs Go-In verpflichtet werden, beachtlich lang. Neben den (…) Freunden aus Waldeck-Zeiten wären da: Ingo Insterburg, Jürgen Barz, Karl Dall, Peter Ehlebracht (die vier fusionieren noch in ihrer Go-In-Zeit zur Gruppe Insterburg & Co.), Susanne Tremper, Ulrich Roski, Ina (damals noch Ingrid) Deter, der persische Tombak-Trommler Mohammad Reza Mortazavi, Jasmine Bonnin, Lothar von Versen, Werner Lämmerhirt, Hannes Wader. Jemand vergessen? Kann sein. Einige Kollegen starten ihre Karriere im Go-In erst, nachdem ich Berlin längst für immer verlassen habe, unter ihnen die Gebrüder Blattschuss, Beppo Pohlmann und Jürgen von der Lippe.

 

(…)

 

Wie lange mache ich den Programmanager-Job im Go-In? Ein paar Wochen, vielleicht ein Vierteljahr. Ich verliere die Lust und übergebe an Jo Diekmann. Jo steht hier im Go-In als Geschäftsführer und Barmann hinter der Theke und kann sowieso besser organisieren als ich.

*Penguin Verlag 2019

kannst mich gerne zitieren.
Yours Hannes Wader
Als ich im Mai 1968, als das GO-IN aufmachte, dort anfing, zu spielen, war noch Herr BATRA derjenige, der uns Musiker ins Programm einteilte. Er war ein Inder mit längerem Bart. Später übernehm JOE diese Aufgabe. Ich war ziemlich schüchtern im Mai 1968, weil ich da gerade 18 geworden war. Ich durfte oft erst sehr spät am Abend auf die Bühne und wartete Stunden vorher bei einem oder mehreren Bier auf meinen Auftritt. Klaus Hoffmann war auch gleich am Anfang mit dabei, er war 17 und mindestens so schüchtern wie ich.

Torsten Branden