Pelikan

Am 14. Dezember (1973) erhielt ich einen Brief von Buddy aus Berlin:

„Also, du willst im Januar nach Berlin kommen? Kannst du! Habe gestern

mit dem Manager vom Go-In gesprochen. Der sagte, du könntest,

solange du in Berlin bist, jeden Abend dort auftreten, vorausgesetzt, du

seist gut. Was du dabei verdienen würdest, kann ich dir leider nicht sagen.

Aber du könntest davon leben. Außerdem könntest du in 2 Kneipen am

gleichen Abend auftreten. Wo du hier pennen könntest, kann ich dir im

Augenblick auch noch nicht sagen, aber da werde ich schon noch ’nen

geeigneten Platz für dich checken.“

Am zweiten Tag, einem Freitag, sind Buddy und ich ins Go-In gegangen – einer Musikkneipe auf der Bleibtreustraße 17 in der Nähe des Ku’damms -, und Jo Diekmann, der Manager, sagte, daß ich am Samstag, bzw. Sonntag morgen gegen 3 Uhr mal vorspielen könne, aber noch ohne Gage, und dann würden wir weitersehen. Ich bin an dem Abend noch lange dageblieben, und die letzten Musiker fand ich ziemlich gut, die ersten aber doch eher uninteressant, so daß ich mir gute Chancen ausrechnete, einen guten Eindruck bei Jo und dem Publikum zu hinterlassen. Bei meinem Debut am Sonntag morgen habe ich dann als Letzter um 5 Uhr 20 zu spielen begonnen, und weil es ja ein Vorspielen war, habe ich 9 Lieder präsentiert, während normalerweise nur 4 Songs plus eventueller Zugaben erlaubt waren, da ein Programmpunkt in der Regel nur 15 bis maximal 20 Minuten dauerte. Und dann wurden ein oder zwei Lieder von einer LP gespielt, und dann kam der nächste Musiker auf die Bühne.

Die 9 Songs meines ersten Gigs (und insgesamt 8. Auftritts) in Berlin am 27. Januar 1974 in der Frühe waren:
1) I Got The Blues (war ein eigener Song, aber sonst weiß ich nichts mehr darüber)
2) How Much More (von J.B. Lenoir – den kann ich heute noch spielen)
3) Pelikan Is Back In Duisburg City From 17 Days Army Time (kann ich ebenfalls noch spielen, ist auch auf meiner „The Wizard of OTZ“-CD enthalten)
4) Ein improvisierter Blues in E
5) First Amsterdam Trip Song (irgendwas abgedrehtes in D mit tiefer gestimmter E-Baßsaite, wovon ich nur noch einen einzigen Riff kenne)
6) Voodoo Music (von J.B. Lenoir – den ich erst wieder einüben müßte)
7) Too Much Monkey Business (von Chuck Berry – da sind mir sogar noch die Worte zu ganzen Strophen geläufig)
8) Rag (ein eigener Song, den ich noch komplett auswendig kann und der auf meiner in einigen Monaten erscheinenden CD „Falsch abgebogen. In- & Outtakes 1975 – 2014“ zu hören sein wird)
9) Darktown Strutter’s Ball (ein inzwischen 95 Jahre alter Jazz-Standard, den ich ebenfalls noch spielen kann)

Jo war glücklicherweise recht angetan von meinem Vortrag und eröffnete mir, daß ich fast jeden Abend auftreten könne, wenn ich a) mit einem Zehner dafür und b) mit als Letzter spielen einverstanden wäre, was ich natürlich war. Einen Tag später ging ich als Schluß-Act dann bereits um 2:30 Uhr auf die Bühne, und Jo zahlte mir eine Sondergage von 12 DM aus. Beim nächsten Mal gab’s dann wieder die vereinbarten 10 DM, danach wieder 12, und bei diesem Sonderbetrag ist es dann bis April geblieben.

Nachdem Buddy den Kontakt zu Jo vom Go-In hergestellt hatte, hat Jürgen Klucken mir dann noch ein wenig weitergeholfen (weil ich selbst einfach viel zu schüchtern war), und einen Tag nach meinem zweiten Auftritt im Go-In hatte ich dort frei (weil das Programm schon zu voll war), und so gingen wir in die anderen beiden Musikkneipen in der Gegend und Jürgen besorgte mir ein Vorspielen im Folkpub für den kommenden Abend und das gleiche für den Steve Club zwei Tage später. Anschließend gingen wir zum Go-In, und als wir noch draußen vor der Tür standen, kam Jo raus, sah mich und sagte: „Du kommst mir wie gerufen, hast du warme Finger? Ich habe einen Ausfall und du kannst sofort spielen.“

Im Laufe dieses 67-tägigen Berlinaufenthalts habe ich insgesamt 53mal im Go-In auf der Bühne gestanden, 11mal im Steve Club (wo ich übrigens 15 DM bekam), 2mal im Folkpub und 2mal im Jugendzentrum Zehlendorf (da habe ich einmal umsonst und einmal für eine Garantiegage von 60 DM gespielt, auf die ich aber heute noch warte). Das Go-In ist in dieser Zeit meine Heimatbasis gewesen, wo ich fast jeden Abend – selbst wenn ich nicht spielen sollte – herumhing, da ein kurzfristiger Auftritt immer im Bereich des Möglichen war, und weil es immer toll war, anderen (vor allem besseren) Musikern zuzusehen. Am deutlichsten erinnern kann ich mich dabei an Darbietungen von Jesse & Joe (Jesse Ballard und Saxophone Joe Kučera, die später die „Paradise Island Band“ mit Hans Hartmann und Tommy Goldschmidt gegründet haben), Sammy Vomáčka (der am 15. Februar 1974 im Go-In 6 (!) Zugaben geben mußte) und Franz de Byl. Einmal soll – während ich auftrat – Hannes Wader im Publikum gewesen sein und über den Musiker auf der Bühne gesagt haben: „Das Bluesspielen sollte er aber besser lassen“. Und das ist für jemanden, der jeden Abend von Jo mit den Worten „und jetzt kommt Pelikan, unsere kleine Bluesmaschine“ angekündigt worden ist, natürlich nicht gerade ein Lob, so daß ich mich, um das zu verarbeiten, in den nächsten Tagen hinsetzte und einen neuen Blues schrieb: „Sometimes I wish I was a black man, a black man with a black man’s voice“ [oder „soul “ – weiß ich nicht mehr so genau. Die Melodie habe ich allerdings immer noch drauf].

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Pelikan und John Vaughan 1975

Foto: Karl-Heinz "Charlie" Müller

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Pelikan und Francis Serafini 1977

Foto: Hawé

Die Bühne des Go-In ist ungefähr 2 x 4 Meter groß gewesen und besaß 4 Mikrophone und ein selten benutztes Klavier auf einer Seite. Gleich neben der Bühne ging die Treppe zu den Toiletten hinunter, und neben den Toiletten war der Backstageraum, der auch nicht viel größer als die Bühne selbst war und in dem ein oder zwei Bänke standen. Hier packten die Musiker ihre Instrumente aus und spielten sich ein wenig warm, bis aus einem extra dafür installierten billigen Lautsprecher Jos verzerrte Stimme dröhnte, die den nächsten Künstler auf die Bühne bat. Wenn man wie ich in der Regel erst gegen 4 Uhr morgens auftrat, bestand das Publikum meistens nur noch aus 5 bis 10 Leuten, während es vorher, zwischen 22 und 2 Uhr oder so, eigentlich immer sehr voll war. Doch war das für den auftretenden Künstler auch nicht immer besser, wie mein Notizbucheintrag vom 23. Februar ’74 zeigt: „Habe diesmal nicht als Letzter sondern einigermaßen früh gegen halb 3 gespielt, und es war noch voll, aber die Leute haben kein Stück zugehört.“

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